Mandelas 100. Geburtstag – Werdegang eines Volkshelden

Nelson Mandela wäre heute 100 Jahre alt geworden. Zu seinem Jubiläum soll das Leben des Freiheitskämpfers und Bürgerrechtlers näher beleuchtet werden. Vor allem möchten wir Ihnen Lebensstationen und Hintergründe des berühmtesten Südafrikaners näherbringen, die Sie vielleicht noch nicht kannten.

Wie in dem Artikel ‚Südafrika feiert das Nelson Mandela-Jubiläum‘ bereits beschrieben wird, feiert Südafrika nicht nur den Mandela-Tag oder -Monat, sondern gleich ein ganzes Mandela-Jahr. Gedenkfeiern, Reden, Vorträge, Popkonzerte, Ausstellungen, Diskussionsrunden, Lesungen… die Liste der Mandela-Veranstaltungen zeigt, wie sehr der Mann vom Volk der Xhosa auch heute noch verehrt wird. Aber warum strahlt der Glanz dieses außergewöhnlichen Menschen bis heute?

Vom Häuptlingssohn zum Jung-Revolutionär

Aufgewachsen ist Nelson Rolihlahla Mandela in der Transkei im Südosten des Landes im Dorf Qunu, das Sie während unserer Südafrika-Rundreise ‚Königsprotee‘ kennenlernen. Er wird in den Madiba-Clan hineingeboren. Sein Vater Gadla Henry entstammt dem Königsgeschlecht der Thembu. Zeit seines Lebens – er starb als Rolihlahla neun Jahre alt war – lebte er nach den Traditionen der Xhosa. Trotzdem ließ er seinen Sohn methodistisch taufen, um ihm eine Schulbildung zu ermöglichen. Mandelas Mutter nahm nämlich den christlichen Glauben an und erzog ihren Sohn nach dessen Lehren. Nelson Mandela blieb sein Leben lang Mitglied der Methodisten-Kirche.

Die Transkei im Südosten Südafrikas. Hier wuchs Nelson Mandela auf.

Die Transkei im Südosten Südafrikas. Hier wuchs Nelson Mandela auf.

Nach dem Tod seines Vaters wird Mandela an den Königshof der Thembu geholt und eignet sich hier grundlegende Dinge an, die ihn später prägen werden. Er lernt wichtige Umgangsformen, ein würdevolles sowie höfliches Auftreten und einen Führungsstil, den er Jahrzehnte später anwendet. Auf den Stammes-Sitzungen, an denen der junge Nelson Mandela teilnahm, ging es recht demokratisch zu: Jeder durfte seine Meinung und Kritik äußern. Der Häuptling, sein Onkel und Adoptivvater Jongintaba, fasste das Gesagte zusammen und bildete einen Konsens. Diese Herangehensweise spiegelt sich in Mandelas Führungsstil wider. Der bei den Thembu gelernte Mut zu Kompromiss und Konsensbildung war elementar für seine spätere Versöhnungspolitik.

Als die Welt und vor allem Europa im Zweiten Weltkrieg versank, ging Mandela an die Universität Fort Hare in Alice und begann seine akademische Ausbildung, die jedoch bald gestört werden sollte. Seine ersten politischen Gehversuche machte er hier im Studentenrat. Nachdem er gegen die Essensversorgung des Campus‘ protestierte, wurde ihm ein Ultimatum zum Einlenken gestellt. Der eigentliche Grund, dass er von der Uni und aus seiner Heimatprovinz floh, war aber seine geplante Verheiratung. Sein Onkel und Regent Jongintaba hatte die Hochzeit arrangiert und Mandela konnte sich ihr nur durch die Flucht nach Johannesburg entziehen.

Vom Schwergewichtsboxer zum Anwalt der Schwarzen

In Johannesburg hielt sich Mandela mit verschiedenen Tätigkeiten über Wasser und lebte in ärmeren Verhältnissen, als er es gewohnt war. Zum Beispiel arbeitete er als Wachmann in einem Goldbergwerk, bevor er in einer Anwaltskanzlei begann. Mit Beginn seiner Zeit in Johannesburg, fand Mandela mehr und mehr Gefallen am Boxen und trainierte fast jeden Tag im Studio.

“Ich war dem Club 1950 beigetreten. […] Die Sporthalle war schlecht ausgerüstet. Einen Ring konnten wir uns nicht leisten, und wir trainierten auf einem Zementfußboden, was besonders gefährlich war, wenn ein Boxer niedergeschlagen wurde. Wir besaßen einen einzigen Punchingball und einige Paar Boxhandschuhe. Wir hatten keine Medizin- und keine Wurfbälle, keine richtigen Boxhosen oder -schuhe und keinen Mundschutz. Auch einen Kopfschutz besaß kaum einer. […] Ich hatte zwar schon in Fort Hare ein wenig geboxt, doch ernsthaft befaßte ich mich mit diesem Sport erst, seitdem ich in Johannesburg lebte. Ich war niemals ein hervorragender Boxer. Ich gehörte in die Schwergewichtsklasse und besaß weder genügend Kraft, um meinen Mangel an Schnelligkeit wettmachen zu können, noch genügend Schnelligkeit, um meinen Mangel an Kraft auszugleichen. Mir gefiel weniger die Gewalttätigkeit beim Boxen als vielmehr die gleichsam wissenschaftliche Seite daran. Es faszinierte mich, wie man seinen Körper bewegte, um sich zu schützen, wie man eine Strategie sowohl für den Angriff als auch für die Verteidigung anwandte, wie man sich seine Kräfte für die Kampfdauer einteilte. Boxen ist ein egalitärer Sport. Rang, Alter oder Hautfarbe spielen im Ring keine Rolle. Wenn man seinen Gegner umkreist und seine Stärken und Schwächen herauszufinden sucht, denkt man nicht an seine Hautfarbe oder seinen sozialen Status.”

Das schreibt Nelson Mandela in seiner Autobiographie “Der lange Weg zur Freiheit” über seine Zeit als Hobby-Boxer, in der er oft mit dem südafrikanischen Leichtgewichtsmeister Jerry Moloi sparrte.

Mit seiner Tätigkeit als Anwalt – 1952 eröffnete er seine Kanzlei, die erste, die von einem Schwarzen geführt wurde – wurde er auch politisch aktiver. In der Organisation ANC (Afrikanischer Nationalkongress) engagierte er sich schon länger. 1952 wurde er zum ersten Mal festgenommen. Das setzte sich auch in den folgenden Jahren fort, dazu kam eine Bannung, durch die er Johannesburg nicht verlassen durfte. In dieser Zeit entstanden auch die Konzepte zum Widerstand gegen die Apartheid. Aus dem Mandela-Plan entwickelte sich 1955 die Freiheitscharta.

TARUK-Gäste posieren vor dem Mandeladenkmal am Union Building in Pretoria.

TARUK-Gäste posieren vor dem Mandeladenkmal am Union Building in Pretoria.

Der Widerstand wurde in den 50ern mit friedlichen Mitteln vorangetrieben. Das änderte sich schlagartig, als Polizisten 1960 beim Massaker von Sharpeville auf unbewaffnete, schwarze Demonstranten schossen und 69 von ihnen tötete. Von nun an wurde nicht nur der ANC verboten, sondern die Lage in Südafrika spitzte sich dramatisch zu. Die All-In African National Konferenz stellte der Regierung 1961 Bedingungen für eine Abkehr von der rassistischen Apartheidspolitik und drohte mit einem Generalstreik. Alles vergebens. Nachdem die weiße Regierung als Reaktion auf die Proteste Stretkräfte mobilisierte und spezielle Kommandoeinheiten bildete, war das Ende des gewaltfreien Widerstands nach dem Vorbild von Mahatma Gandhi vorbei.

Nelson Mandela ging in den Untergrund, um weiteren Verhaftungen zu entgehen. Auch der gewaltfreie Widerstand schien ihm nun aussichtslos. In seinem Buch schreibt er über diesen Entschluss:

„Wenn die Reaktion der Regierung darin besteht, mit nackter Gewalt unseren gewaltlosen Kampf zu zermalmen, so werden wir unsere Taktik zu überdenken haben.”

Mandela wurde nun zum Anführer des bewaffneten Arms des ANC. Er reiste ins Ausland, um in militärischen Trainingscams Erfahrungen zu machen, sammelte Geld und Waffen für den Kampf gegen das Apartheid-Regime. Im August 1962 wurde er dann während einer Autofahrt aufgegriffen, verhaftet und angeklagt. Wie etliche Jahre später herauskam, gelang die Festnahme infolge von Informationen, die der südafrikansichen Regierung vom US-Auslandsgeheimdienst CIA zugespielt wurden. Die Verurteilung zu fünf Jahren Gefängnis wurde mit dem Aufruf zur öffentlichen Unruhe begründet und weil er ohne entsprechende Papiere ins Ausland gereist war. Kurze Zeit später gab es eine neue Anklage. Der Vorwurf diesmal: Sabotage und bewaffneter Kampf. Der Rest ist bekannte Historie: Seine Verteidigungsrede, die er selbst hielt, da sein Anwalt nicht zum Prozess erscheinen durfte, ging unter dem Titel “I am Prepared to Die” um die Welt. Er bezog sich damit auf die von der Staatsanwaltschaft geforderte Todesstrafe.

Bekanntermaßen wurde Mandela gemeinsam mit sieben weiteren ANC-Anhängern zu lebenslanger haft verurteilt, die er größtenteils im Gefängnis auf Robben Island verbrachte. Angebote der Regierung, er werde freigelassen, wenn der ANC auf den bewaffneten Kampf verzichte, lehnte er wiederholt ab. Ein weiteres interessantes Detail ist, dass Ronald Reagan noch 1988 – zwei Jahre vor Mandelas Freilassung – Nelson Mandela als “Terroristen” bezeichnete und den Namen auf eine entsprechende Liste setze. Die gleiche Wortwahl nutzte im Übrigen auch die britische Premierministerin Margaret Thatcher.

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